Titelschriftzug 'Der Letzte seines Standes?'
Der Notenstecher
aus Würzburg
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Notenstecher-Bild

Immer noch sind mehr als die Hälfte aller heute verkauften Notenbücher ursprünglich von Hand gestochen. Es sind Reproduktionen von Millimeter starken Bleiplatten. Jahrhunderte lang wurde Musik zum Vervielfältigen in das weiche Metall gestempelt und wie beim Kupferstich gestochen.

Der Film begleitet Hans Kühner bei seiner letzten Arbeit in Blei. Bach’s Fuge hat er sich vorgenommen. Vorlage ist die Originalhandschrift. Zuerst teilt er das Manuskript ein und skizziert es auf das Blei. Keine leichte Aufgabe, denn die Handschrift des großen Komponisten lässt manche Frage offen, auch die, ob Bach denn tatsächlich über der Arbeit an dieser letzten Fuge verstorben ist, wie eine Anmerkung behauptet.

Mit dem fünflinigen Rastral zieht er entsprechend dem Umbruch die Notenzeilen und sticht die Taktstriche. Dann holt er sich den Kasten mit den Stempeln, schlägt ganze und halbe Noten in die Platte, Vorzeichen und Notenschlüssel. Mit dem Stichel gräbt er die Notenhälse ins Blei. Dazu braucht er Geduld, den auch der tausendste soll noch genauso akkurat dastehen wie der erste.

Ein guter Stecher will dem Musiker schon durch die Optik den Charakter des Stückes vermitteln. Ein schnelles Stück z.B. ein Alegro wird er enger setzen, ein langsames wie ein Largo weiter. Das Ende einer Doppelseite sollte z.B. bei einem Klavierwerk so ausgehen, dass der Spieler eine Hand frei hat, zum Umblättern. Die Noten so zu setzen, dass sie der Musiker mit Freude spielt, darin besteht die Meisterschaft des Hans Kühner.

Eigentlich wollte der damals 15-jährige Automechaniker werden. Doch vor mehr als einem halben Jahrhundert, meint er, gab es noch gar nicht so viele Autos und auch keine Lehrstellen und da er Ziehharmonika spielte und die Noten konnte, ist er eben Notenstecher geworden. Bereut hat er das bis heute nicht.

Seine Werkstatt hat der Meister vorübergehend im Keller des Kulturspeichers, einem alten Würzburger Hafengebäude eingerichtet. Dort arbeitet auch Winfried Henkel, ein Lithograph. Was dieser jetzt versucht hat keiner mehr seit Jahrzehnten probiert: die gestochene Bleiplatte auf Stein umkopieren und davon drucken. Senefelder, der Erfinder des Steindrucks, hatte das Verfahren zuerst zur Vervielfältigung von Noten erfunden. Im Film ist diese ursprüngliche Technik noch einmal zu sehen.

Die Wohnung und seine andere Werkstatt hat Hans Kühner direkt unterhalb der Würzburger Festung. Dort erzählt er uns warum er heute hauptsächlich mit dem Computer arbeitet. Ein 500-seitiges Haydn-Werk hat er in Arbeit. Vier bis fünfhundert Tage bräuchte er dazu in Blei, am Computer geht das natürlich um ein vielfaches schneller. Dass er mit seiner langen Erfahrung auch am PC einer der Besten ist bestätigen seine Auftraggeber. Stolz ist er schon etwas auf sein Werk, wenn er sieht wie Musiker in aller Welt von seinen Noten spielen.

Text und Bild: Rüdiger Lorenz

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